1. Nicht ergreifen - nicht abwehren
Die Grundbewegung des Geistes: festhalten, haben wollen, wegdrücken, Widerstand.
Herzlich willkommen nach der Sommerpause hier im Bethaus in Wiedikon. Die zurückliegenden Ferien haben mir gut getan und ich freue mich auf die gemeinsame Praxis mit euch allen.
Ich habe mir vorgenommen eine Serie von 8 Teishos zu schreiben, die Bezug nehmen auf klassische Zen-Zitate aus dem Diamantsutra, dem Plattform Sutra und den Ansprachen des Huangpo.
Im Zentrum steht dabei ein Zitat aus dem Diamantsutra:
„Sie (die Bodhisattvas) sollten einen Vorsatz fassen aus einem Geist heraus, der nirgendwo verweilt.“
Huineng hörte einem Mann beim Rezitieren zu. Als er den Satz hörte, öffnete sich sein Geist. Huineng fragte "wo es denn herkäme" und der Mann antwortete sinngemäss: Es stammt aus dem Kloster des fünften Patriarchen Hongren.
Huineng machte sich auf den weiten Weg ins Kloster und wurde schliesslich der legendäre sechste Patriarch.
Und an einer anderen Stelle sagt der Buddha ergänzend:
„Nur den Geist kann er (der Bodhisattva) entwickeln, der an nichts verhaftet ist.“
Thema des heutigen Teishos ist "Nicht ergreifen - nicht ablehnen". Beide Haltungen, also Ergreifen bzw. Ablehnen, sind bereits Formen des Haftens. Beginnen wir mit einem alltäglichen Beispiel.
Wir sind im Zendo der City Kirche Zug anfangs Juli. Es ist sehr heiss draussen, obwohl die Abendstunde schon begonnen hat. Und die Hitze zeigt sich auch im Meditationsraum. Wie gewöhnlich lüften wir den Raum während des Kinhin. Als eine Teilnehmerin das Fenster schliessen will, kommt eine kräftige und kurze Zurückweisung aus dem Teilnehmerkreis.
Die Botschaft ist klar. Das Fenster soll offen bleiben.
Ein Klassiker aus dem Zendo. Hier geht es nicht darum, was richtig oder falsch ist. Fenster auf oder Fenster zu. Es ist heiss. Und ich möchte, dass es kühler wird. Ich möchte, dass es erträglich wird.
Hier kann die Verstrickung beginnen und je nach Lage der Dinge kann sie uns immer tiefer hineinziehen.
Zu den Regeln im Zen gehört, dass wir im Meditationsraum schweigend praktizieren. Nur in Ausnahmefällen ist eine Ansprache passend. Das Schweigen schützt jedoch nicht vor der Verstrickung, sie wird nur nicht so schnell sichtbar.
Für das "Hineingezogenwerden" bediene ich mich eines anderen Vorfalls und zwar einem Beispiel aus dem Speisesaal.
Ich durfte einen Fastenkurs leiten, bei dem wir auch die Mahlzeiten schweigend einnahmen. Ein Teilnehmer hielt sich nicht strikt an diese Regel. Ein anderer Teilnehmer kritisierte ihn mit klaren Worten. Als Antwort erhielt er "ich akzeptiere keine Autorität. Ich akzeptiere deine Bevormundung nicht." Jetzt wurde es kritisch. Als Kursleiter machte ich mich bemerkbar.
Beide hielten sich dann zurück. Ich behielt das Ganze im Auge und meinte aus der Körpersprache zu erkennen, dass es bei ihnen im Inneren immer weiter gärte, obwohl nicht mehr gesprochen oder disputiert wurde.
Was geschieht beim Ergreifen und Abwehren im Geist?
Eine wichtige Zutat fehlt uns noch, wenn wir das Ergreifen erklären möchten. Diese Zutat können wir mit "Grundannahme" benennen.
Mit unserer Entwicklung hin zum Erwachsenen übernehmen wir mehr oder weniger eine Reihe dieser Zutaten. Und sie helfen uns dabei, dass wir gut miteinander klar kommen können. Die Zutaten regeln, ordnen und sagen uns, wann wir was und wie machen sollten. Die Grundannahme folgt ihrer zugrunde liegenden Logik.
Wenn A, dann B. Weil sonst C.
Aber wir benötigen noch etwas und zwar die Bereitschaft, diese Logik zu verteidigen. Dahinter steckt die Annahme, dass sich eine bestimmte neue und ungewollte Situation einstellen wird, die es zu vermeiden gilt.
Zurück in den Speisesaal. Die Regel lautet: "Auch im Speisesaal wird nicht gesprochen, wir nehmen das Essen schweigend ein."
Ein Teilnehmer verfügte über die Annahme "Ich akzeptiere keine äussere Autorität."
Beim anderen Teilnehmer könnte die Annahme präsent gewesen sein: "Wenn im Speisesaal gesprochen wird, verliert das Schweigen und die Stille an Wert und wird dadurch nutzlos."
Wenn wir diese beiden Annahmen als mögliche innere Logik zugrunde legen, weden die folgenden Reaktionen verständlich:
- Person A spricht und bricht das Schweigen.
- Person B kritisiert und bricht damit ebenfalls das Schweigen.
- Person A verteidigt seine Position verbal, dass er keine äussere Autorität akzeptiert.
Das Diamantsutra spricht von einem Geist, der nirgends verweilt. Dieser Geist bindet sich nicht an eine Annahme. Er kann ihr folgen, ohne daran gebunden zu sein.
Mit einem solchen Geist sind klare und deutliche Worte nicht ausgeschlossen. Auch eine Zurechtweisung wäre aus einem solchen Geist nicht ausgeschlossen. Einzig die Bindung ist nicht präsent und nicht wirksam. Ein Hin und Her ist möglich. Aber das war es dann auch schon. Nicht mehr und nicht weniger.
Huineng gibt dafür noch ein sehr passendes Beispiel.
Vermeide beim Wahrnehmen aller Phänomene, dass der Geist befleckt wird und dass er nicht anhaftet. Der Geist durchdringt alle Orte, haftet aber nicht an ihnen. Läutert euren grundlegenden Geist. Wie? Seid ohne Befleckung und ohne Verschiedenheit innerhalb der sechs Sinnesempfindungen. Seid selbstbestimmt beim Kommen und Gehen der geistigen Phänomene. Entfaltet ohne Stillstand eure durchdringende Wirkung.
Nicht anhaften bedeutet nicht "gleichgültig" oder "egal".
Und was bedeutet dies jetzt für die Praxis? Hilfreich könnten diese Fragen sein:
- Wo ergreife ich?
- Und wo wehre ich ab?
- Und woran genau halte ich in diesem Augenblick fest?
Eine Regel kann sinnvoll oder unsinnig sein. Für unsere Frage hier ist entscheidend, ob der Geist daran gebunden ist.
Eine Meinung kann zutreffen oder nicht. Für unsere Frage hier ist entscheidend, ob der Geist daran gebunden ist.
Eine Handlung kann angemessen oder unangemessen sein. Für unsere Frage hier ist entscheidend, ob der Geist daran gebunden ist.