Wahrnehmen - ohne begrifflich zu verfestigen
Herzlich willkommen zu diesem Zazenkai in der Propstei Wislikofen.
Am vergangenen Samstag hatten wir uns im Bethaus in Wiedikon zu einem Zazentag getroffen. Für das Teisho hatte ich das Thema gewählt: "den gewöhnlichen Geist sehen". Der gewöhnliche Geist ergreift, klammert und wehrt ab. Unsere Vorlieben und Abneigungen spielen dabei eine wichtige Rolle. Im Diamantsutra sagt der Buddha, ...
dass ein Bodhisattva einen Vorsatz aus einem Geist fassen soll, der nirgendwo verweilt.
Dieser erste Vortrag war der Auftakt zu einer Reihe von Vorträgen.
Der heutige Vortrag beschäftigt sich mit dem Thema "wahrnehmen ohne begrifflich zu verfestigen".
Wir nehmen ständig wahr. Die Frage dabei ist: "Was machen wir mit dem Wahrgenommenen?"
Wahrnehmen ist eine Grundfunktion. Wir nehmen wahr mittels unserer Sinne. Das Wahrgenommene wird im Allgemeinen durch unsere Prägungen und Grundannahmen gedeutet, ergänzt oder überlagert. Dies könnte etwa so ablaufen:
- Wir nehmen etwas wahr.
- Wir benennen es.
- Wir bewerten es.
- Wir verbinden es mit Erinnerung, Erfahrung und Erwartungen.
- Und irgendwann reagieren wir nicht mehr nur auf das Wahrgenommene, sondern auf unsere Vorstellung davon.
Schauen wir uns dies jetzt anhand konkreter Situationen an. Ich möchte mit euch eine kleine Übung machen. Es geht um das Spüren deiner Hand.
Spüren meiner Hand
Phase 1 – «Konzept-Hand»
Anweisung: «Stell dir deine Hand vor und zeichne sie.»
Phase 2 – «Spür-Hand»
Haltung: Zazen-Haltung, Hände in der Mudra. Augen halb offen.
«Jetzt spüre, was sich zeigt: vielleicht Gewicht, Wärme, Puls, Mikrovibrationen, Kontakt der Daumenspitzen, Luft an der Haut.»
«Spüre von innen, statt auf die Hand zu schauen.»
«Nichts analysieren. Wenn Gedanken kommen: auch das – und zurück zum Spüren.»
Dann: «Zeichne die Hand so, wie sie jetzt gespürt wird.»
Auswertung
- Was hat sich zwischen Bild 1 und Bild 2 verändert?
- Was war Empfindung, was war Wissen oder Vorstellung?
- Wo tauchte sofort wieder das Wort „Hand“ auf?
Gerne komme ich zurück auf die alten Meister mit ihren Zitaten zum Thema. Beginnen wir mit dem 6. Patriarchen.
Huineng: „Doch wenn man die Sinnesbereiche wahrnimmt und gedanklich bewertet, wird man beunruhigt.“
Huangpo macht uns darauf aufmerksam, wie schnell wir uns irren können.
„Du siehst ihn stets vor dir, doch sobald du über ihn nachdenkst, verfällst du dem Irrtum.“
Huangpos Zitat bezieht sich auf den Geist. Konkret spricht der alte Meister nicht über die Hand. Eine Übertragung halte ich dennoch für sinnvoll. Diese geht so:
Unsere Hand war da. Und sehr schnell kann unsere Vorstellung von "Hand" unsere Erfahrung prägen und sich dazwischenschieben.
Bewertung
Bei der Hand sehen wir, wie schnell Benennung entsteht. Bei Ereignissen kommt noch etwas hinzu und zwar unsere Neigung zu bewerten.
Hören wir uns dazu die Geschichte von Chunglang an:
Hermann Hesse: China, Weisheit des Ostens
Ein alter Mann mit Namen Chunglang, das heisst «Meister Felsen», besass ein kleines Gut in den Bergen. Eines Tages begab es sich, dass er eins von seinen Pferden verlor. Da kamen die Nachbarn, um ihm zu diesem Unglück ihr Beileid zu bezeigen. Der Alte aber fragte: «Woher wollt ihr wissen, dass das ein Unglück ist?» Und siehe da: Einige Tage darauf kam das Pferd wieder und brachte eine ganze Herde Wildpferde mit. Wiederum erschienen die Nachbarn und wollten ihm zu diesem Glücksfall ihre Glückwünsche bringen. Der Alte vom Berge aber versetzte: «Woher wollt ihr wissen, dass es ein Glücksfall ist?»
Seit nun so viele Pferde zur Verfügung standen, begann der Sohn des Alten eine Neigung zum Reiten zu fassen, und eines Tages brach er sich das Bein. Da kamen sie wieder, die Nachbarn, um ihr Beileid zum Ausdruck zu bringen. Und abermals sprach der Alte zu ihnen: «Woher wollt ihr wissen, dass dies ein Unglücksfall ist?»
Im Jahr darauf erschien die Kommission der «Langen Latten» in den Bergen, um kräftige Männer für den Stiefeldienst des Kaisers und als Sänftenträger zu holen. Den Sohn des Alten, der noch immer seinen Beinschaden hatte, nahmen sie nicht. Chunglang musste lächeln.
Woher wissen wir in dem Augenblick eigentlich schon, was dieses Ereignis bedeutet?
Die bisherigen Erkenntnisse sind dies:
- wir nehmen wahr
- wir benennen
- wir bewerten
- wir reagieren auf unsere Deutung.
Warum benennen und bewerten wir eigentlich so schnell?
Wo suchen wir Sicherheit?
Es ist ein menschliches Grundbedürfnis, sich sicher zu fühlen. Wer hat schon Freude an unsicheren Zuständen, an Ungewissheiten und unliebsamen Überraschungen?
Eine wichtige Frage ist für mich: Wo suchen wir diese Sicherheit?
Ich denke dabei an "Innen" und "Aussen". Hilfreich ist das Zitat von Huangpo:
Der Eine Geist allein ist Buddha, und es gibt keinen Unterschied zwischen Buddha und den Lebewesen, nur dass diese an Formen festhalten und im Aussen die Buddhaschaft suchen. Durch eben dieses Suchen aber verlieren sie sie.
Auch bei diesem Zitat möchte ich eine Übertragung machen. Die Lebewesen halten an Formen fest und suchen ihre Sicherheit im Äusseren.
Ich nehme dazu ein persönliches Beispiel: In der Schule war ich eher ein mittelmässiger Schüler. Dennoch reichte es für ein Studium des Maschinenbaus. Als junger Dipl.-Ing., ich lebte und arbeitete seinerzeit in der Grossstadt Berlin, wurden meine Frau und ich öfter auf Partys und Feiern eingeladen. Üblich war es, dass man vorgestellt wurde oder nach dem Status gefragt wurde. Wie stolz war ich, als ich dann jeweils sagen konnte "Ich bin Dipl.-Ing" und "Ich arbeite dort und dort" und "Ich mache dies und das beruflich".
Ich hatte mich seinerzeit stark mit dem Titel identifiziert und meine Sicherheit darin gesucht. Ein paar Worte genügten und es führte zu Anerkennung und neugierigen Fragen. Aus heutiger Sicht verständlich und nur zu menschlich. Aber es ist ein schönes Beispiel für "Sicherheit im Äusseren" suchen.
Was, wenn ich morgen den Job verliere? Passiert so oft. Bin ich dann weniger wert?
Ich fasse diese Gedanken zur Sicherheit so zusammen: Wir benennen und bewerten:
Das gibt möglicherweise Orientierung und Sicherheit.
Wo suchen wir diese Sicherheit?
Was geschieht, wenn wir sie an äussere Formen binden?
Was bleibt, wenn diese Form wegfällt?
Zum Abschluss greife ich nochmal die Hand-Übung auf.
Die Hand war da.
Wir machen daraus "Hand".
Ereignisse wurden zu "Glück" und "Unglück".
Ein Berufstitel wurde zu einem Teil von "mir".
Kann all das sein, ohne dass der Geist darin Wohnung bezieht?
Klaus-Peter Wichmann · Seisen Zen-Lehrer · Glassman-Lassalle Zen-Linie Teisho am Zazenkai · Propstei Wislikofen · 18. September 2026